Blick aus dem Ausland 09.08.2013

Wer wird der nächste deutsche Außenminister?

Polnische Zeitungen haben sich mit Gregor Gysi (l.) und Jürgen Trittin beschäftigt. (Bild: dpa/Rainer Jensen)
Polnische Zeitungen haben sich mit Gregor Gysi (l.) und Jürgen Trittin beschäftigt. (Bild: dpa/Rainer Jensen)

Auch die Zeitungen in Polen schauen auf die Bundestagswahl in Deutschland – und rätseln über mögliche Koalitionen. Eine Sache interessiert sie besonders: Wer wird der nächste deutsche Außenminister? Zwei Kandidaten stehen unter besonderer Beobachtung.

Die liberale Wochenzeitung “Polityka” porträtierte kürzlich ausführlich den grünen Spitzenkandidaten Jürgen Trittin, der eher Aussichten habe, Finanzminister zu werden denn Außenminister. Denn in der Weltwirtschaftskrise sei der zweitwichtigste Posten in einer Regierung der des Finanzministers. Zudem sei Trittin Autor des Wirtschaftsprogramms der Grünen, das den Spitzensteuersatz für Familieneinkommen ab 80.000 Euro von 45 auf 49 Prozent vorsehe.

Das polnische Blatt erinnert an Trittins Vergangenheit als Umweltminister, der das Dosenpfand einführte und von CSU-Landesgruppenchef Michael Glos als “Öko-Stalinist” bezeichnet wurde. “Polityka” geht ein auf die Kindheit des grünen Spitzenkandidaten, dessen Vater Trittin und seinen Bruder das Konzentrationslager Bergen-Belsen zeigte und ihnen das Versprechen abnahm, nie wieder Derartiges zuzulassen.

Rot-Rote Koalitionsfragen

“Wird jemand von der Stasi Chef des Auswärtigen Amtes?”, sorgt sich die “Rzeczpospolita” und führt aus, dass sich der 65-jährige Gregor Gysi bei den Wahlen im September schon in der Rolle des deutschen Chefdiplomaten sieht, der sogar schon ein fertiges Programm für seine Tätigkeit in der erträumten Position hat. “Ich gestatte privaten amerikanischen Firmen keine Spionage in Deutschland, werde keine Waffen exportieren und Deutschland wird ein wichtiger Vermittler im Nahostkonflikt”, zitiert die polnische Zeitung Gysi.

Weder die SPD, noch die Grünen hätten Pläne für eine Koalition mit der Linken, aber die Postkommunisten zählten darauf, dass die Wahlergebnisse bei den potenziellen Partnern zu einem Meinungswandel führen. “Was immer sich ändert, eines ist sicher: Gregor Gysi wird nicht deutscher Chefdiplomat”, sagt der Politologe Klaus Schröder der polnischen konservativ-liberalen Zeitung.

Betreuungsgeld als Thema

Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier würden gegen eine Regierung mit den Linken sein, Sigmar Gabriel allerdings könnte bei der Aussicht, an einer Regierung beteiligt zu sein, der Versuchung unterliegen. Den Linken gesteht der Autor nur eine kurze Überlebenszeit zu, sollten sie nicht mehr in den Bundestag kommen, da die klassische Anhängerschaft aus über 65-jährigen Rentner aus dem Osten des Landes bestünde.

Für die national-konservative klerikale Tageszeitung „Nasz Dziennik“ ist die Zukunft des Betreuungsgeldes in Deutschland Thema, das mit einem SPD-Sieg gefährdet wäre. Der Kanzlerkandidat wird zitiert mit der Ankündigung, das Betreuungsgeld als eine der ersten Maßnahmen seiner Regierung abzuschaffen.

Sabine Adler

Korrespondentin Sabine AdlerVon der Moskwa an die Spree, von der Spree an die Weichsel – Wechsel, die ganz unterschiedliche Perspektiven ermöglichen. Das quirlige Polen, das es zeitweilig schwer hatte und hat mit seinen großen Nachbarn Russland und Deutschland, liegt so nah und ist dennoch zu wenig bekannt, ähnlich Lettland, Litauen und Estland, ganz zu schweigen von Weißrussland und der Ukraine. Wunderbar, dass ich für Deutschlandradio den Osten Europas genauer in den Blick nehmen kann.

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